23. September 2024
Das Gesetz rettet den Menschen nicht – und hat es nie getan!
Die Frage nach der Rolle des Gesetzes für die Rettung des Menschen ist ein zentrales Thema sowohl der jüdischen als auch der christlichen Tradition. Die Behauptung jedoch, Gott habe das Gesetz (die Tora) zur Rettung gegeben, ist eine Auslegung, die weder der historischen noch der theologischen Wirklichkeit entspricht. Gott hat das Gesetz nie gegeben, um den Menschen zu retten, sondern um ihn zu schützen und ihn auf den Weg eines gerechten Lebens zu führen. Das bestätigen sowohl die biblischen Texte als auch die Gebetstradition.
So betont etwa der Prophet Jesaja, dass die Rettung von Gott kommt: „Und alles Fleisch soll erfahren, dass ich, der HERR, dein Heiland bin und dein Erlöser, der Mächtige Jakobs“ (Jes 49,26). Die Tora diente dazu, die sittliche und geistliche Ordnung zu bewahren, doch eine rettende Funktion hatte sie nicht. Im ersten Buch der Chronik heißt es: „Und sprecht: Hilf uns, Gott, unser Heiland!“ (1 Chr 16,35) – ein weiterer Hinweis darauf, dass Gott und nicht das Gesetz die Quelle der Rettung ist.
Auch die Amida, eines der wichtigsten Gebete der jüdischen Tradition, hebt Gottes Rolle als Retter hervor: „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, großer, mächtiger und furchtgebietender Gott … König, Helfer, Retter und Schild!“ Dieses Gebet bringt die beständige Abhängigkeit des Menschen von Gottes Gnade und Rettung klar zum Ausdruck.
Der Mythos, die Juden seien allein durch das Halten des Gesetzes gerettet worden, entstand in der christlichen Tradition und löste zahlreiche theologische Streitigkeiten aus. Doch wie der Apostel Paulus betonte, war das Gesetz nie ein Mechanismus der Rettung. Im Brief an die Galater schreibt er: „Das Gesetz aber ist nicht ‚aus Glauben‘, sondern: ‚Der Mensch, der es tut, wird dadurch leben‘“ (Gal 3,12). Paulus zeigt hier, dass das Halten des Gesetzes das Leben verlängern und den Menschen vor der Sünde bewahren kann, aber nicht zur Rettung führt.
Eine ähnliche Aussage finden wir im Brief an die Römer: „Mose schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt: ‚Der Mensch, der es tut, wird dadurch leben‘“ (Röm 10,5). Erneut unterstreicht Paulus, dass das Gesetz das Leben erhalten, aber nicht retten kann. Das Gesetz dient also dem Menschen, indem es ihn schützt; die Rettung aber kommt immer von Gott und gründet im Glauben an Ihn.
Folglich liegt das Wesentliche der Rettung nicht in einer mechanischen Erfüllung des Gesetzes, sondern im Glauben und im Vertrauen auf Gott, der Sein Volk durch die ganze Geschichte der Menschheit hindurch rettet.