Gedanken und Impulse

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30. September 2024

Über die Sünde Sodoms …

Als ich kürzlich die allseits bekannte biblische Erzählung von Sodom und Gomorra im Buch Genesis (Kapitel 18) wieder las, dachte ich über die traditionelle Sicht auf die Sünde dieser Städte nach, die in kirchlichen Kreisen weit verbreitet ist. Es stellt sich die Frage: Geht es wirklich ausschließlich um eine Sünde im Zusammenhang mit sexuellen Praktiken – oder birgt diese Geschichte einen tieferen Sinn?

(Wichtig ist mir klarzustellen: Ich trete nicht für LGBT-Anliegen ein und will ein solches Verhalten nicht rechtfertigen. Mein Ziel ist es, einen weiteren Kontext zu betrachten, in dem diese Erzählung einen neuen Sinn gewinnt, der über vereinfachte Deutungen hinausgeht. Die Frage sexueller Beziehungen behandelt die Schrift ohnehin klar genug, ohne sie mit der Tragödie von Sodom und Gomorra untermauern zu müssen.)

In der Zeit der alten heidnischen Kulturen war sexuelle Zügellosigkeit die Norm und nichts, was man verurteilte. Was also machte diese beiden Städte in Gottes Augen so besonders? Im Buch Genesis heißt es: „Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, und ihre Sünden sind sehr schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse.“ Die klassische Auslegung geht davon aus, dass das Geschrei der Bewohner der Städte selbst gemeint ist. In der jüdischen Tradition erweist sich der Sinn dieser Erzählung jedoch als vielschichtiger. Im Midrasch heißt es, in Sodom und Gomorra habe folgende Regel gegolten: „Wer einem Armen, einem Bettler oder auch nur einem Fremden hilft, und sei es mit einem Stück Brot, wird im Feuer verbrannt.“

In diesem Zusammenhang wird Paltit erwähnt, eine Tochter Lots. Sie war mit einem der angesehensten Bürger Sodoms verheiratet und half heimlich einem Armen, indem sie ihm jeden Tag Essen brachte. Als die Bewohner der Stadt davon erfuhren, verurteilten sie sie zum Feuertod. Vor ihrem Tod schrie sie zu Gott um gerechte Vergeltung, und ihr Schrei erreichte den Thron des Höchsten. Daraufhin sprach Gott: „Ich will hinabfahren und sehen, ob sie so handeln, wie der Schrei sagt, der zu mir gekommen ist.“ Am Ende wurde die ganze Stadt vernichtet.

Hier stellt sich die entscheidende Frage: Worin bestand die Bosheit der Bewohner Sodoms, und warum war die völlige Vernichtung der Stadt die einzige Lösung? Die Antwort, die Schrift und Midraschim geben, liegt in einem sozialen Übel, das sich weniger in einzelnen Verbrechen zeigte als in der Untätigkeit dort, wo Handeln gefordert war. Der Prophet Hesekiel (16,49) beschreibt es so: „Siehe, das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Hochmut, Überfluss an Brot und sorglose Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern; aber dem Armen und Bedürftigen griff sie nicht unter die Arme.“ Das Problem besteht nicht darin, dass es Menschen gibt, die Böses tun, sondern darin, dass eine solche Lebensweise zur gesellschaftlichen Norm wird.

Der zweite wichtige Punkt, den der Midrasch hervorhebt: Die Strafe für die ganze Stadt wurde durch den Schrei einer einzigen Frau ausgelöst, die getötet wurde, weil sie einem Armen geholfen hatte. Eine einzige Tat, ein einziger Schrei – und das Maß der Geduld des Allmächtigen war voll.

Jede Handlung des Menschen hat eine einzigartige Bedeutung und wirkt sich auf die Welt aus – sie macht sie besser oder zerstört sie. Der Mensch ist nicht bloß ein Rädchen im Getriebe, sondern Träger des Ebenbildes Gottes und trägt Verantwortung für sich selbst, für die Gesellschaft und für die ganze Welt. Jede seiner Handlungen, von der bedeutendsten bis zur scheinbar unbedeutenden, wirkt sich auf seine Umgebung, seine Zeitgenossen und künftige Generationen aus.